
Von den ersten Spuren im Jahr 1471 über Reformation, Wissenschaft und Krieg bis in die digitale Gegenwart hinein erzählen zehn ausgewählte Werke über die 555-jährige Geschichte der Universitätsbibliothek Basel. Jedes Objekt eröffnet einen eigenen Blick auf seine Zeit und zeigt, wie die UB seit Jahrhunderten Wissen bewahrt, erschliesst und weiterträgt.
Kaiser Friedrich III. verleiht Basel das Privileg, innerhalb der Stadtmauern zweimal pro Jahr eine zwei-wöchige Handelsmesse durchzuführen. Die erste Basler Messe beginnt am 27. Oktober 1471. Im selben Jahr ist die UB erstmals bezeugt. Einer der Belege dafür ist ein handgeschriebener Kaufvermerk in der Inkunabel «Catholicon» (gedruckt um 1460). Seither finden sich in rund einem Dutzend Handschriften und Drucken weitere Besitzvermerke der Basler Universität.

Geschichte von der schönen Melusina / Thüring von Ringoltingen, Basel, 1471.
Signatur: Universitätsbibliothek O I 18
Der Roman handelt von der tragischen Liebesgeschichte von Ritter Reymund und der geheimnisvollen Melusine und war im Mittelalter ein Bestseller. Er gehört zu den frühesten stilbildenden Prosaromanen im deutschen Sprachraum und entfaltete eine grosse Wirkung auf die spätere Erzähltradition. Das Buch im Besitz der UB stammt aus dem Museum des Remigius Faesch und war dort Teil eines Sammelbandes.
1528/29 drängten die Handwerkerzünfte, die nun in der Stadtregierung vertreten waren, auf ein Verbot der Messe und den Ausschluss der Altgläubigen. Den Höhepunkt bildet der Bildersturm am Münster am 8. Februar 1529. Im gleichen Jahr wird Johannes Oekolampad Hauptpfarrer von Basel. Während der Reformation umfasst der Bestand der UB rund 250 Bände. Danach wächst die UB stark, da die Klosterbibliotheken aufgehoben und nach und nach an die UB überführt werden. Diese Bestände bilden den Kern der heutigen historischen Sammlungen.
![Schreiben an [den Rat der Stadt Basel] / von Bonifacius Amerbach, [Anfang Juni 1529].](https://ub-easyweb.ub.unibas.ch/fileadmin/_processed_/2/0/csm_Amerbach_Schreiben_7c6ae29491.jpg?1781263776)
Schreiben an [den Rat der Stadt Basel] / von Bonifacius Amerbach, [Anfang Juni 1529]. Signatur: Universitätsbibliothek KiAr Mscr 23a:53 (Bl.129)
Amerbach bittet darum, nicht gezwungen zu werden, zur Predigt und zum heiligen Nachtmahl gehen zu müssen. Der Briefentwurf stammt aus dem Kirchenarchiv, das der UB 2025 als Geschenk übergeben wurde.
Die Bibliothek der Universität wird im leerstehenden Tuchhaus «zur Mücke» am Schlüsselberg 14 untergebracht, wo der Bibliothekar Johannes Zwinger (1634–1696) bis 1678 zwei neue Bibliothekskataloge, einen für die Drucke und einen für die Handschriften, vollendet. Die Sammlung wird feierlich eingeweiht. Die Bibliothek ist zwei Stunden pro Woche geöffnet.

Novveav Traité De La Civilité Qvi Se Pratiqve En France, Parmi Les Honnestes Gens: = Ein Neu Tractätlein von der Höffl ichkeit/ So in Franckreich Under Verständigen Leuthen im Gebrauch ist = Tractatvs Novvs de Civilitate usitata In Gallia, Inter Homines Politos, Basel, 1671.
Signatur: Universitätsbibliothek Frey-Gryn P VIII 3
«Tractätlein» wie das vorliegende vermitteln die französiche Hofkultur einem deutschsprachigen Publikum. Dabei geht es um kultiviertes Benehmen, Konversation und Etikette.
Nach der politischen Teilung des Kantons Basel in zwei Halbkantone 1833 teilt ein Schiedsgericht 1834 das Staatsvermögen zwischen Basel-Stadt (36 %) und Basel-Landschaft (64 %) auf. Das gesamte Universitäts-gut, darunter die auf 55 000 Franken geschätzte Universitätsbibliothek, fällt exklusiv an die Stadt. Die Universitätsbibliothek besitzt mittlerweile rund 1500 Manuskripte und 44 000 Drucke, ein ansehnlicher Bestand, wobei das Gutachten kritisch festhält, dass die Kaufpolitik ziemlich zufällig erfolge.

Weiss, Heinrich Hg.): Neues Nummern-Büchlein der grossen und kleinen Stadt Basel und deren Bahn, Basel, 1834.
Signatur: Universitätsbibliothek Hagb 1883
Telefonnummern sucht man hier noch vergebens, aber die Adressen der Stadtbewohner*innen fi ndet man in diesem historischen Verzeichnis. Die Nummern beziehen sich hier auf die hausnummernbasierte Strukturierung des Inhalts, die für das 19. Jahrhundert typisch ist. Das «Büchlein» enthält auch sieben Lithografi en von Basel und eingeschobene leere Seiten für eigene Notizen.
Nach fünfjähriger Bauzeit wird der Museumsbau an der Augustinergasse eröffnet, Melchior Berris grösstes Bauwerk in Basel. Auch die UB zieht dort ein und wird räumlich wie administrativ verselbständigt; unter Bibliothekar Franz Dorotheus Gerlach (1819–1875) wird der inzwischen rund 70 000 Bände umfassende Bestand neu geordnet und die Kataloge werden überarbeitet. Die hohen Säle des Neubaus erlauben erstmals eine grosszügige Unterbringung der Bücher erlauben.

Wilhelm His: Immatrikulationsurkunde der Universität Basel, 21. April 1849.
Signatur: Universitätsbibliothek NL 185 : 18 c
Wilhelm His (1831–1904) studiert Medizin in Basel, Bern und Berlin. Nach wis senschaftlichen Tätigkeiten in Paris und Basel wird er dort 1857 zum ordentlichen Professor der Anatomie und Physiologie berufen. His forscht unter anderem auf dem Gebiet der Embryologie und entwickelt die Wachsplattentechnik, mit der man dreidimensionale Rekonstruktionen von Embryonen herstellen kann. Der Nachlass von Wilhelm His befindet sich in der UB.
«Mit Hilfe eines Personals von 20 bis 26 Mann wird in 107 Fuhren die ganze Büchermenge an ihren Bestimmungsort verbracht (…).» Die Rede ist vom Freihandmagazin, welches ab 1896 die UB-Bestände im neu eingeweihten Bau von Emanuel La Roche am heutigen Standort an der Schönbeinstrasse beherbergt. La Roches Architektur ist am Puls der Zeit: Er verwendet für das «Freihand» Stahl als wichtiges Material für die Statik. Erst dank des Stahls wird es möglich, Bücher regale dicht gedrängt in den Raum hineinzuziehen. Die Bibliothek hat nun einen Gesamtbestand von 200 000 Bänden.

Roschet, Carl: Ansicht auf die Alte Universitätsbibliothek und das Bernoullianum, Basel, zwischen 1896 und 1925. Signatur: Universitätsbibliothek Kunstsammlung A 12
Das Gemälde zeigt den La-Roche-Bau und das Bernoullianum von der Mittleren Strasse aus. Der Künstler gehört am Anfang des 20. Jahrhunderts übrigens zu den ersten, die für die Basler Fasnachtscliquen Laternen gestalteten – eine Tradition, der viele Basler Künstler*innen folgen.
Am 1. September 1939 begann mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen der Zweite Weltkrieg. Die UB jedoch war vorbereitet: Sie griff umgehend auf ihre Notfall- und Evakuationspläne zurück und setzte die vorgesehenen Massnahmen konsequent um. Ein knapper Notizzettel von Bibliothekar Scherrer an Karl Schwarber bringt die Evakuierung der wertvollsten Bestände ins Kloster Engelberg auf den Punkt: «Kisten alle verpackt, nach Nummern geordnet (…).» Doch dies war erst der Anfang. In den folgenden fünf Kriegsjahren waren Personalmangel, Forschungsanfragen und Anschaff ungspolitik nur einige der Herausforderungen, die gemeistert werden mussten.

Gand, Hanns in der (Hg.): Soldaten-Liederbuch, 3. Auflage, Bern 1939.
Signatur: Universitätsbibliothek Mil 1000:30
Als ausgebildeter Sänger diente Gand im Ersten Weltkrieg als Soldatensänger in der Schweizer Armee. Zudem sammelte und erforschte er Volkslieder in allen Landessprachen. Gand komponierte auch – unter anderem das bekannte «La petite Gilberte de Courgenay» (1917). Der Band in der UB stammt aus der 1760 gegründeten Militärbibliothek, die heute von der UB verwaltet wird und rund 40 000 Bände zählt.
Nach sechsjähriger Bauzeit wird am 25. Oktober 1968 in der Aula des Kollegiengebäudes der neue funktionale Bibliotheksbau von Otto H. Senn eingeweiht. Die UB ist eines seiner Hauptwerke. Tragwerk und die Betonschale des Lesesaals stammen vom Ingenieur Heinz Hossdorf, der auch beim Neubau des Theaters Basel Hand an legte (Eröff nung 1975). Im 4. Stock des Kopfbaus befindet sich trotz vehementer Einwände der Uni-Professorenschaft neu ein Café. Dort treffen sich am 15. November die UB-Mitarbeitenden mit ihren Freund*innen, um ihren neuen Arbeitsort zu feiern.

Bulgakov, Michail: Der Meister und Margarita. Roman. Russischer Originaltitel: Master i Margarita, Neuwied,1968.
Signatur: Universitätsbibliothek Bi IX 1079
Der satirische Roman erzählt eine Liebesgeschichte in Moskau, wo gleichzeitig der Teufel erscheint und Unruhe und Chaos stiftet. Entstanden ist er ab 1928, veröffentlicht wurde er – stark zensiert – erst 1966/68 in der Literaturzeitschrift Moskwa. Der Roman ist eine literarische Kritik an der Schreckensherrschaft von Stalin. Er wurde sofort zum Bestseller und gilt heute als eines der wichtigsten Werke der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Foto des Briefkatalogs, noch heute in Zettelform, in den Historischen Sammlungen der UB Basel.
Die UB setzt einen Meilenstein auf dem Weg ins Online-Zeitalter: 2002 beginnt die Rekatalogisierung des alten alphabetischen Zettelkatalogs. Damit werden nun auch die Bestände aus der Zeit vor 1939 über den Online-Bibliothekskatalog zugänglich gemacht. Ende 2002 sind 43 Schubladen des Buchstabens A migriert. Dies entspricht rund 40 000 Katalogzetteln und rund 18 000 Titelaufnahmen.

Die UB feiert 2026 ihr 555-jähriges Bestehen. Das Jubiläum begeht sie ab Juni mit einer Kampagne und verschiedenen Aktivitäten. Den Auftakt macht Direktorin Alice Keller am 3. Juni mit einer Tour d’Horizon durch die UB-Büchergeschichte und durch Leben und Wirken ihrer Amtsvorgänger. Den Schlusspunkt der Feierlichkeiten bildet die Vernissage eines besonderen Auftragswerks, dessen Identität hier noch nicht verraten wird. Sie findet am 19. November in der Aula der Universität in Anwesenheit zahlreicher Prominenz aus Wissenschaft und Politik statt.
Domo Löw: Ein Kauz, als Sinnbild des Wissens, steht vor der UB Basel und hält eine Jubiläumsschrift zum 555-jährigen Bestehen.